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FRANKREICH > BURGUND: Kanaltörn im Hausboot
Burgund: Canal du Mivernais
An Bord alles im Fluss
Viel Geduld sollte man mitbringen für eine Hausboot-Tour durch die Region im Herzen
Frankreichs. Gefahren lauern nirgends auf dem Canal du Nivernais, dafür

Dutzende von Schleusen. Savoir vivre heißt hier: auch zu wissen, wie man durchkommt…

Nur schemenhaft war sie zu erkennen, die Schleuse, die wir im strömenden Regen noch bis sieben Uhr abends zu erreichen suchten. Ein letzter schneller Blick zur Uhr machte jedoch jede auch noch so kleine  Hoffnung zunichte. Denn wer zu spät kommt auf dem Canal du Nivernais, den straft der Schleusenwärter mit gnadenloser Abwesenheit. Noch genau eine Minute blieb uns, Jascha, 10, seinem achtjährigen Bruder Benni, Monika und mir, um die schmale Passage vielleicht doch noch zu schaffen, um zumindest weitere drei, vier Kilometer bis zur übernächsten Schleuse schippern zu können. Als wir ankommen, ist jedoch auch das letzte Licht in dem kleinen, grauen Häuschen des Wärters schon verloschen, der – wie wir am nächsten Morgen erfahren werden – die langen Wartestunden seines Tages damit füllt, kleine nackte Frauenkörper zu modellieren, um sie dann zu einem Ensemble schon fertiger Nixen in seinem selbstgebauten Springbrunnen zu setzen, damit sie das Auge frustrierter Freizeitkapitäne letztlich doch noch ein wenig erfreuen mögen.



Dabei hatten wir unser Letztes gegeben, waren mit knapp sieben Stundenkilometern den Kanal hoch „gehetzt“, hatten acht Schleusen in Rekordzeit bewältigt, waren vehement in das flache Ex-Flößer-Flüsschen Yonne eingebogen – alles nur, um am Abend vor dem 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, vielleicht doch noch das für seine Weine berühmte Örtchen Vermenton zu erreichen. Denn am besagten Feiertag heißt es an allen Schleusen weit und breit: «Fermé», geschlossen. Nicht nur bis zum nächsten Morgen, nein, aus gegebenem Anlass zwei Nächte und einen ganzen Tag lang.  Punkt neun am übernächsten Morgen wird Claude, der Schleusenwärter, dann wieder zurückkommen zu seinem 200 Jahre alten Arbeitsplatz. Wird freundlich wie an jedem Morgen die Hausboote grüßen, die wie wir 36 Stunden zwischen zwei Schleusen verbracht hatten und das tun, was er immer tut, kaum dass sich eines der Boote leicht schaukelnd seinem idyllischen Reich nähert und in «seine» Schleuse einfährt: Per Hand die hinteren Tore schließen, um dann Minuten später, wenn die Schleuse je nach Fahrtrichtung leer- oder vollgelaufen ist, die vorderen Tore zu öffnen, damit das Abenteuer Hausbootferien auf dem Canal du Nivernais eine Fortsetzung erleben kann. Und abenteuerlich waren die vergangenen drei Tage sicherlich verlaufen.
l St. Florentin Die Nacht hatten wir noch in einem kleinen Hotel am Canal du Bourgogne verbracht. Am Morgen dann den Hafen gesucht, in dem die Boote vom Veranstalter lagen. Vorher waren wir noch schnell in den nächsten Supermarkt gefahren, um die kulinarische Grundausstattung für die ersten Tage unserer «Kreuzfahrt» zu besorgen. Kurzes Einchecken, dann an Bord der «Musigny», um zu überprüfen, was der Vorgänger an Küchen­utensilien, Eimern und Werkzeug noch zurückgelassen hat. Warum nur müssen wir das machen? Die Kinder werden unruhig, wie kleine Wildpferde warten sie darauf, daß die Koppel, sprich: die erste Schleuse geöffnet wird, und es endlich losgeht. Doch vor den Reisestart hat der liebe Gott aus Frankreich die Proberunde auf dem Kanal bestimmt. Hört sich alles leicht an. Man wird sehen. So schwer wird es wohl nicht sein, das knapp elf Meter lange Schiff später durch die enge Kanalschlucht zu manövrieren. Schaffen es doch sogar die großen Pötte, die wir tags zuvor schon auf dem Kanal gesehen hatten. Rund zwei Stunden dauert es dann doch, bis wir endlich ablegen. «Drei Schleusen könnt ihr noch schaffen«, heißt es zum Abschied, «nach sieben Uhr kommt ihr nicht mehr durch.»  Also los, Kurs Schleuse, die erste. Vielleicht achtzig Meter mögen es sein, immer näher kommt die schmale Einfahrt. Das Boot schlingert, fährt rechts, wo es doch eigentlich geradeaus fahren müßte. Dreht sich links herum, als es sich doch eigentlich nach rechts bewegen soll. Wenn der Weg das Ziel ist, gut. Wenn die Schleuseneinfahrt das Ziel ist, schlecht. Irgendwie ist es schier unmöglich, auf Anhieb hineinzufahren. Nach mehreren Versuchen klappt es dann doch. Vier Meter geht es hinunter, dann liegt das erste kerzengerade Teilstück vor uns. Ein Blick zur Uhr. Oh je – das wird wohl nicht klappen mit den drei Schleusen. Schon allein wegen des unglaublichen Schlingerkurses, mit dem wir über den Kanal tuckern. Schleuse zwei schaffen wir noch. Dann ist Feierabend. Für uns, für die Schleusenwärter und überhaupt. Die Kinder gehen am Kai von Brienon – leben hier auch Menschen? – noch baden, dann wird zu Abend gegessen, die Betten werden bezogen und die erste Nacht an Bord verbracht.



l Auxerre Auxerre hatten wir uns als Ziel gesetzt. Sieben, acht Schleusen mussten wir schaffen, um bis zum Abend mitten in der erst von Kelten, dann von Grafen und Bischöfen regierten, pittoresken Altstadt anzulegen. Immer besser klappt die Koordination Mensch Boot. Immer entspannter werden die Schleusenmanöver. Erstmals bleibt Zeit, im Vorbeifahren die Ufer der Yonne zu betrachten, das Wechselspiel von bewaldeten Abschnitten, aus denen sich ab und an auch mal ein Reiher erhebt, und kleinen Ortschaften, die sich links und rechts des hier manchmal dreißig Meter breiten, aber nur wenige Zentimeter tiefen Flusses angesiedelt haben. Immer wieder sehen wir andere Hausboote, die irgendwo einfach festgemacht haben, um die Sonnenstrahlen zu genie­ßen, die die Wolken vom gestrigen Abend inzwischen weggetrocknet haben. So beschaulich der Tag verläuft – wären die Kinder nicht inzwischen so fit beim Ein- und Ausschleusen, beim Heraufklettern oder Hinunterspringen von Bord auf die Kaimauer und hin zu den Kurbeln, die die massiven Tore öffnen und schließen –, auch Auxerre wäre wegen der nicht eingeplanten Mittagspause eines Schleusenwärters an diesem Tag nicht mehr zu schaffen gewesen. Doch so freuen wir uns, gleich am Rande der Altstadt einen Anlegeplatz mit Aussicht auf die mittelalterlichen Kirchen von Auxerre zu erhaschen. Ein gemütlicher Stadtbummel, ein dreigängiges Menü für umgerechnet knapp 25 Euro pro Person, ein Kartenspiel noch an Bord, und schon bricht die zweite Nacht an.
Das Burgund lebt von seiner geschichtsträchtigen Vergangenheit. Kaum ein Fleckchen rechts oder links des Kanals oder der ihn flankierenden Flüsse Yonne und Cure, das nicht auf Historie und die damit verbundenen Geschichten verweisen könnte. Erst knapp zwei Jahrzehnte  sind ins Land gegangen, seitdem die einst so stark befahrenen Wasserwege, auf denen früher das Holz aus den Wäldern des Morvan im Süden flussabwärts ins bauwütige Paris transportiert wurde, dem Untergang geweiht schienen. Mehrmals wurde der Bau des Kanals aufgeschoben, bis er endlich zwischen 1783 und 1842 Wirklichkeit wurde. Weil jedoch nicht bedacht wurde, dass irgendwann einmal eine Norm die Schifffahrt auf dem Kanal reglementieren würde, blieben knapp 58 Kilometer Wegstrecke unbearbeitet. Und weil genau auf diesem Stück zwischen Cercy-la-Tour bis Sardy keine Kähne von mehr als 38,50 Meter Länge fahren durften, starb die Region vor vierzig Jahren einen langsamen Tod. Ein gewisser Herr P. P. Zivy war es dann, der den Canal du Nivernais aus seinem Dornröschenschlaf erweckte und die Idee hatte, künftig Hausboote statt Lastkähnen fahren zu lassen.
l Vermenton Ein wenig Alltag ist eingekehrt an Bord unserer «Musigny». Einer holt morgens nach dem Wachwerden Baguettes, die anderen decken derweil den Tisch, kochen Kaffee und Tee und überlegen schon einmal, was denn an diesem Tag so alles wieder passieren mag. Der Trott hat sich dem sonoren Sound des Bootsdiesels angepasst, alles ist relaxed, keiner gestresst, nur ab und an kommt Aufregung auf, weil mal ein Schleusenmanöver partout nicht klappen will; mal Jascha lieber vorn am Bug sitzt statt rauszuspringen und dem Wärter beim Schleusen zu helfen, mal Benni es einfach nur langweilig findet, was wir ihm an landschaftlichen Highlights da vermitteln wollen. Heute geht’s darum, die Entscheidung zu treffen: links rein in das Flüsschen Cure oder doch weiter auf dem Nivernais-Kanal gen Süden – das Damoklesschwert Nationalfeiertag immer über uns. An der Mündung bei Cravant fällt die Entscheidung: Vermenton soll für zwei Tage unser Ankerplatz sein. Dort wollen wir uns mal in Ruhe diverse Restaurants ansehen, den Tag genießen und uns die Beine vertreten. Dass schließlich alles ganz anders kam, na ja. So mussten wir halt drei Kilometer weiter laufen als geplant, der Erholung hat es keinen Abbruch getan. Nur eines war klar: Was wir uns für die Woche vorgenommen hatten, war nicht zu schaffen. So fügten wir uns denn in unser Schicksal und fuhren wieder zurück.
l Finale Die Rückfahrt verlief ohne weitere Vorkommnisse. Auxerre ließen wir links liegen, Ziel am Abend sollte Joigny sein, ein Städtchen flussabwärts, vorbei am Canal du Boulogne. Voller Leben, mit einer schönen Altstadt und vom Boot aus einem schönen Panoramablick auf die Stadt. Nach einer letzten Nacht «auf großer Fahrt» hieß es dann am Freitagabend auschecken, noch einmal in Ruhe Essen gehen – und am nächsten Morgen war das Abenteuer Hausboot beendet…      Jochen Bleckmann                            

l Info & Buchung
Hausboot Böckl > 81669 München • Zeppelinstraße 73 • Fon 089 / 542.901.09, www.hausboot-boeckl.de

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